Film-Festivals Excision-©-2012-Archstone-Distribution,-excisionmovie.com

Veröffentlicht am 3. Oktober 2012 | von Verena Saischek

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Excision

Excision Verena Saischek

Wertung

Summary: Eigenwillige Kreuzung aus Coming-of-Age und Gore, dabei sehr originell, makaber und unberechenbar. Auch gut: das großartige Schauspiel

4.5

Horror


User Rating: 3.2 (1 votes)

Handelt es sich nur um einen gravierend extremen Fall von später Pubertäts-Verwirrung oder doch um das allmähliche Erwachen eines soziopathischen Monstrums?

Pauline ist die Außenseiterin aller Außenseiter, der wahr gewordene Alptraum ihrer Mitschüler, ihrer Lehrer und Eltern, ein Fremdkörper, der in seiner abstrusen Andersartigkeit jeder auch nur erdenklichen gesellschaftlichen Norm den Krieg erklärt hat. Dabei zählen das fettige Haar und die abstoßenden Hautunreinheiten, der asoziale Gesichtsausdruck und die katastrophale Körperhaltung gerade einmal zu ihren kleinsten Sorgen. Verstoßen vom Rest der Welt thront Pauline in ihrem höllischen Traumpalast umgeben von Blut und toten Leibern, driftet immer tiefer ab in ihre nekrophilen Neigungen, die sie schon bald zu absonderlichen Maßnahmen treiben…

Dass es nicht unbedingt zu den leichtesten filmischen Unterfangen zählt, hübsche Mädchen als hässliche Entlein zu tarnen, das haben bereits unzählige amerikanische Highschool-Komödien à la “Eine wie keine” unter Beweis gestellt. Meist reichen die obligatorische Brille, ein übergroßer Schlabber-Pulli und ein möglichst reizlos gebundener Pferdeschwanz in diesen Filmen voll und ganz aus, um eine letztendlich doch noch begehrte Prom-Queen anfänglich zur verschmähten Außenseiterin zu degradieren. Dabei besitzen derartige Transformationen noch weniger Überzeugungspotential als die Vorher/Nachher – Bilder in diversen „Pimp your Look“ Sendungen.

 

Zum Glück lieferte nun Richard Bates Jr. mit seinem Regiedebüt “Excision” auf dem /slash Filmfestival den Gegenbeweis. Wie meisterhaft hässlich er seine Hauptdarstellerin in Szene zu setzen vermag, das gibt es im Kino wahrlich selten zu sehen. Und dass sich hinter dem Objekt des Grauens die junge Anna Lynne McCord verbirgt, eher bekannt für ihre ganz und gar unhässlichen Rollen in TV-Serien wie “Nip/Tuck” oder dem Teenie Spin-off zu “Beverly Hills 90210″, übersteigt beinahe die eigene Vorstellungskraft. In “Excision”, einer die Grenzen der Abartigkeit auslotenden Coming-of-Age Mutation, tauscht McCord ihre weiblichen Reize gegen eine Monstrosität ein, die sie vermutlich bei jedem Blick in den Spiegel vor sich selbst erschrecken ließ.

Doch die Ehre gebührt neben den Make-Up Artists und dem haarsträubenden Schauspiel von Anna Lynne McCord vor allem dem vielversprechenden Regie-Nachwuchs Richard Bates, der hier sein ganz eigenes Ding weit abseits strikter Genre-Zuschreibungen durchzieht und mit einer Mischung aus abgrundtief makaberem Familiendrama sowie Soziopathen-Fallstudie überrascht, die nicht nur bestechend originell geschrieben ist, sondern zwischen all den Gore-Versatzstücken in ihrem ganzen Wahnsinn auch tief berührt. So eindringlich inszeniert Bates hier zunehmend das Porträt einer inkompatiblen Familie sowie den privaten Krieg zwischen Mutter und Tochter, dass einem das entsetzte Lachen über Paulines unappetitliche Eigenarten schon bald im Halse stecken bleibt. 

Verstärkt wird die Wirkung des Films durch einen teils ungewohnt sperrigen Montage-Stil. Mit statischen Bildern und sich ständig wiederholenden Szenen-Anordnungen kreiert Bates einen visuellen Teufelskreis rund um Paulines unheilvoll brodelnde Soziopathie, der nur – so wie es eine leise Vorahnung verspricht – in einer gewaltigen Explosion sein Ende finden kann. Dabei ist die Reife von Paulines Störung so undurchschaubar, der Handlungsverlauf so unberechenbar, dass “Excision” ganz allmählich eine schier unerträgliche Spannung schürt und zuletzt ein Finale liefert, das den Atem stocken lässt.  “Excision” ist einer jener seltenen Filme, die uns sprachlos ins Leben außerhalb des Kinosaales zurück entlassen und uns ebenso daran erinnern, warum wir immer wieder gerne – auf der Suche nach solchen Kuriositäten – dahin zurückkehren werden. Ein Höhepunkt des diesjährigen /slash Filmfestivals.

Regie und Drehbuch: Richard Bates Jr., Darsteller: Anna Lynne McCord, Traci Lords, Malcolm McDowell, John Waters, Ariel Winter, Roger Bart, Laufzeit: 81 Minuten gezeigt im Rahmen des /slash Filmfestivals

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Über den Autor

Aufgabenbereich selbst definiert als: Qualitätsjunkie, ständig auf der Suche nach gutem (Film-) Stoff. Findet den Ausspruch „Don’t watch films on your fucking telephone“ (David Lynch) sehr weise.



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