Film-Festivals Alpis-©-2011-The Match Factory

Veröffentlicht am 24. Oktober 2011 | von Verena Saischek

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Alpis

Als beim Crossing Europe Festival vor zwei Jahren ein Wahnsinnswerk namens Kynodontas (Dogtooth) auf das nichtsahnende Publikum losgelassen wurde, erlitt wohl so manches Cineastenherz den ein oder anderen abrupten Aussetzer. Denn was der hierzulande bislang eher unbekannte griechische Filmemacher Yorgos Lanthimos da auf der Leinwand stattfinden ließ, war an abgrundtief verstörender Absurdität und origineller Eigenwilligkeit wohl nicht zu überbieten…

Auf dieses kleine durchtriebene Meisterwerk, das hier jedem abenteuerlustigen Filmschauer nur wärmstens ans Herz gelegt sei, folgte bereits ein Jahr später mit Athina Rachel Tsangaris Filmdrama Attenberg ein weiterer höchst außergewöhnlicher griechischer Export. Und wie vermutet findet sich auch hier Yorgos Lanthimos in den Credits, diesmal als Produzent und Darsteller.

Als das Programm der Viennale 2011 nun ein neues Werk aus dem Kreise derselben Filmschaffenden ankündigte – mit Lanthimos auf dem Regiestuhl, Tsangari als Produzentin sowie der Darstellerin Aggeliki Papoulia, die schon in Dogtooth überzeugte – war dies Anlass zu beinahe frenetischer Vorfreude. Und auch mit Alpis (Alps) stellt der griechische Filmemacher ein weiteres Mal, wenn auch leider nicht mehr ganz so eindrucksvoll wie in Dogtooth unter Beweis, dass es ihm an originellen, sonderlichen Geschichten keinesfalls zu mangeln scheint. Was eine Krankenschwester, einen Sanitäter, eine Kunstturnerin und deren Trainer hier verbindet, ist vor allem eine abwegige Geschäftsidee: Gegen Bezahlung schlüpfen die Vier in die Rolle von kürzlich Verstorbenen, um den Angehörigen über die plötzliche Leerstelle in ihrem Leben hinwegzuhelfen.

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Was hier bereits absonderlich klingt, wird von Yorgos Lanthimos allerdings noch viel absonderlicher inszeniert. So beschränkt sich die befremdliche Eigenartigkeit von Alpis nicht allein auf die Story, sondern entsteht noch um Einiges mehr durch die oft ungewöhnliche und irritierende Wahl der Bildausschnitte, die skurrilen Dialoge und seltsamen Charaktere, das unruhige Balanzieren zwischen trostloser Ernsthaftigkeit und absurder Komik, die unverständlich mechanische Emotionslosigkeit, mit der die Protagonisten Verstorbene zu kopieren versuchen. Lanthimos praktiziert mit Alpis Undurchsichtigkeit auf allen Ebenen, wirft Szene für Szene neue Fragen auf, ohne an deren Beantwortung auch nur einen Gedanken zu verschwenden.

Was bleibt, ist vielleicht ein Film über verlorene Seelen, die sich auf der Suche nach etwas Halt in eine abstruse Parallelwelt hineinkämpfen und dabei gegen eine Wand prallen. In jedem Fall ist es jedoch ein Film, der einem bis zum Ende unangenehm fremd bleiben wird, ein sperriges Kinoerlebnis, das so manchen Zuschauer wohl eher nur unbefriedigt zu entlassen vermag. Möglicherweise muss man sich bei Yorgos Lanthimos’ neuem Film aber auch einfach nur ein wenig öffnen für das Unverständliche, Ungesagte, Absurde im Kino – denn darin steckt auf den zweiten Blick nicht selten eine ungeheuerliche Kraft.

[stextbox id="custom"]Regie: Yorgos Lanthimos, Drehbuch: Yorgos Lanthimos & Efthymis Filippou, Darsteller: Aggeliki Papoulia, Aris Servetalis, Johnny Vekris, Ariane Labed, Laufzeit: 93 Minuten, gezeigt bei der Viennale 2011, Kinostart 27.04.2012[/stextbox]

6/10

+ originelle Story

+ eigenwillige Inszenierung

+ fremdartig und absurd

- sehr undurchsichtig

- etwas unbefriedigend

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Über den Autor

Aufgabenbereich selbst definiert als: Qualitätsjunkie, ständig auf der Suche nach gutem (Film-) Stoff. Findet den Ausspruch „Don’t watch films on your fucking telephone“ (David Lynch) sehr weise.



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